Frank Esser: Populismus in Europa und im amerikanischen Wahlkampf

Frank Esser, Prof. für International Vergleichende Medienforschung am IPMZ und Co-Leiter des NCCR Democracy hat im uzh-magazin zusammen mit Laurent Bernhard, Postdoc am Institut für Politikwissenschaft ein Interview zum zunehmenden Einfluss populistischer Parteien in Europa gegeben. Populismus wird begünstigt durch spezifische Ereignislagen, entfaltet sein volles Potential aber erst durch Verwendung bestimmter Kommunikationsstrategien, so das deutliche Statement von Frank Esser.

http://www.kommunikation.uzh.ch/dam/jcr:605be9d0-16c5-4e72-8ff3-f4587f276d75/uzh-magazin-2016-1-48.pdf

Populismus spielt derzeit auch im amerikanischen Wahlkampf eine tragende Rolle, insbesondere bei Donald Trump. Auch hier ist die Ablehnung der Elite in Form einer radikalen Establishment-Kritik und Medien-Kritik auszumachen. Frank Esser hat sich dazu in zwei Zeitungsbeiträgen ausführlicher geäussert. Wir verlinken dazu einen Beitrag aus dem «Blick»:

http://www.blick.ch/news/ausland/uswahlen/wahlkampf-experte-erklaert-den-erfolg-des-grossmaul-republikaners-trump-tritt-jedem-ans-schienbein-id4724931.html

Und wir geben im Folgenden einen Artikel aus der «Schweiz am Sonntag» vom 28.2.2016 wider:

Trump imponiert denen, die Mumm vermissen

Von Frank Esser

 

«Der wichtigste Grund für Trumps Erfolg ist seine ausgeklügelte Strategie eines nativistischen Populismus. Dabei positioniert er sich als Versteher des Volkes und nicht als lupenreiner Repräsentant der republikanischen Partei. Er vertritt deswegen auch linke Wohlfahrtspositionen und verspricht der weissen Mittelschicht wirtschaftliche Sicherheit. Das macht Trump parteiübergreifend attraktiv. Er präsentiert zudem alle seine Mitbewerber als Teil eines korrupten Establishments, das Eigeninteressen statt Volksinteressen vertritt. Während die anderen Kandidaten riesige Wahlkampfspenden annehmen und nur Marionetten von Lobbyisten seien, präsentiert sich der Milliardär als unabhängiger Vertreter der einfachen Amerikaner. Amerikaner, die immer nur draufzahlen mussten und sich nach Rückkehr zu alter Grösse sehnen. „We make America great again.“

Trumpfordert drittens eine unmissverständliche America-First-Ideologie, die auf die Interessen anderer Staaten ebenso wenig Rücksicht nehmen kann wie auf jene von Immigranten. Dieser letzte Aspekt schlägt sich in Trumps radikaler Rhetorik gegen muslimische oder mexikanische Einwanderer nieder, aber auch gegen Staaten, mit denen Amerika in politischem, militärischem oder wirtschaftlichem Wettbewerb steht.

Trump bietet vielen Wählern der Unter- und Mittelschicht, die sich nach wirtschaftlicher Prosperität und Rückkehr zur Spitzenmacht sehnen, eine neue Heimat. Seine nationalistische, sexistische und politische Korrektheit ablehnende Sprache imponiert jenen, die in Amerika Mumm vermissen und zu viel Jammerei und Gutmenschentum sehen. Trump profitiert davon, dass viele US-Wähler eher uninteressiert und uninformiert sind. Sie sind anfällig für emotionale Ansprache und ergreifende Präsentation. In Nevada bekannten 70 Prozent der Trump-Wähler, dass sie einen Anti-Establishment- Kandidaten ohne jede Erfahrung in der Politik bevorzugen. Eine Stimme fiir Trump ist also nicht immer das Ergebnis eines rationalen Prozesses. Trump hat 20 Jahre Erfahrung in Reality TV und hat durchschaut, dass der Präsidentschaftswahlkampf zu einem grossen Animationszirkus geworden ist.

Teil des Problems sind die amerikanischen Nachrichtenmedien, die ihre Berichterstattung nicht am öffentlichen Gemeinwohl, sondern am kommerziellen Profitstreben ausrichten. Sie präsentieren Politik als dauererregtes Spektakel, was nicht förderlich einer kritisch reflektierenden Öffentlichkeit. Trump profitiert von dem Aufmerksamkeitsbonus, den er für seine extremen, aber immer unterhaltenden Auftritte erhält. Dabei bringt Trump den meisten Medien offene Verachtung entgegen, was ihm bei seinen Anhängern noch mehr Anerkennung einbringt, da sie sich schon lange nicht mehr von den Mainstream-Medien repräsentiert fühlen.»