Streets of Philadelpia

Ein Interview

Manuel Puppis, sie weilten von September bis Dezember 2012 als Gastprofessor in den USA, genauer in Philadelphia. Was kommt Ihnen als erstes in den Sinn, wenn Sie an Ihre Zeit in den USA zurückdenken?
Die Skyline der Stadt, fast jeden Tag Sonnenschein, die hervorragenden Restaurants – und natürlich die Independence Hall, Rocky und das legendäre «Philly Cheesesteak».

Sie waren in Philadelphia, wie erwähnt, als Gastprofessor tätig und zwar an der Annenberg School for Communication an der University of Pennsylvania. Es gibt ja tausende von Unis in den USA, warum gerade diese Uni, dieses Institut?
Die Annenberg School gilt – gemeinsam mit ihrem Schwesterinstitut in Kalifornien – als das beste kommunikationswissenschaftliche Institut in den USA. Schon 2011 war ich für ein paar Wochen auf Einladung von Monroe E. Price am «Center for Global Communication Studies» der Annenberg School. Als dann völlig unerwartet die Einladung kam, im Rahmen des von Barbie Zelizer geleiteten «Scholars Program in Culture and Communication» ein ganzes Semester als sogenannter «Scholar in Residence» an der Annenberg School zu verbringen, musste ich nicht lange überlegen. Die School bietet ein stimulierendes Umfeld und ermöglicht den Austausch mit herausragenden Forscherinnen und Forschern. Zudem ist Philadelphia eine tolle Stadt.

Was waren Ihre Aufgaben und Verpflichtungen als Gastprofessor?
Als Gastprofessor hat man erstmal viel Zeit für Forschung und Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen. Zudem habe ich einen Kurs zu «Media Governance in Times of Crisis» gegeben, zwei «Lunch Talks» bestritten sowie eine öffentliche «Evening Lecture» gehalten.

und zu welchen Themen haben Sie während Ihres Aufenthaltes geforscht?
Ich habe die Zeit in Philadelphia vor allem genutzt, um an meinem vergleichenden Forschungsprojekt über die Kommunikation von Regulierungsbehörden weiter zu arbeiten. Da galt es, zwei Dutzend Interviews qualitativ auszuwerten! Auch konnte ich einige wissenschaftliche Artikel fertig schreiben und mit den Forschern an der School neue Kooperationen andenken.

Inwiefern haben Sie vom Umfeld, in dem Sie waren, profitiert?
Im Rahmen der Vorträge, die ich an der School gehalten habe, bekam ich sehr viele nützliche Rückmeldungen und Ideen zu meinen Projekten und Forschungsvorhaben. Daneben war der individuelle Austausch mit Professoren/innen und Doktorierenden, die zu ähnlichen Themen forschen – Medienpolitik, Medienkrise, Journalismus und politische Kommunikation – sehr inspirierend. Auch den Austausch mit meiner Büronachbarin Helen Nissenbaum von der New York University, die im Herbstsemester die zweite Gastprofessorin war, habe ich sehr geschätzt.

Wenn Sie an die Schweizer Unis und nun an die amerikanischen denken – was sind die wichtigsten Unterschiede, zum Beispiel bezüglich Studium?
Die Annenberg School ist ein Sonderfall. Einerseits gehört die University of Pennsylvania zur sogenannten «Ivy League», ist also eine Elite-Uni. Andererseits hat die Annenberg School keine Bachelor- oder Master-Studiengänge, sondern konzentriert sich voll auf die Ausbildung von Doktorierenden. Zwar werden einige Kurse für ein Masterprogramm einer anderen School angeboten, doch der Grossteil des Lehrangebots ist für die Doktorierenden. Das Aufnahmeverfahren ist hart und die School kann sehr wählerisch sein, da das Programm in einigen Forschungsbereichen als bestes Programm der USA evaluiert wurde. Jede und jeder Doktorierende bekommt dafür ein volles Stipendium.

Das ist ja interessant - einen Studiengang ausschliesslich für Doktorierende, der voll durch Stipendien finanziert wird, gibt es bei uns tatsächlich nicht! Und wenn Sie ans Arbeiten an einer Uni denken, welche Unterschiede habe Sie da festgestellt?
Die amerikanischen Schools sind völlig anders organisiert als Institute in der Schweiz oder Deutschland. Es gibt keine Lehrstuhlinhaber, sondern eine «faculty» aus befristeten «assistant professors», «associate professors» und «full professors». Derzeit hat es an der Annenberg School for Communication um die 20 Professorinnen und Professoren. Die Doktorierenden sind nicht Mitarbeiter eines Professors, sondern der School zugeordnet. Das Institutsleben und der Austausch untereinander laufen stark über regelmässige «Lunch Talks».

Was ist Ihnen, als Sie ankamen, leicht gefallen? Woran mussten Sie sich erst gewöhnen?
Dadurch, dass Annenberg den zwei Gastprofessoren pro Semester ein all-inclusive Paket mit Wohnung bietet, wurde mir der Aufenthalt in Philadelphia sehr einfach gemacht. Ich musste mich nicht lange um administrative Dinge kümmern, sondern konnte mich der Arbeit und der Stadt widmen. Gewöhnungsbedürftig war hingegen, dass es keine Kultur des gemeinsamen Mittagessens gibt, da über Mittag häufig die «Lunch Talks» und Sitzungen stattfinden - und natürlich die Klimaanlage, die auch im Winter alle Räume unerbittlich herunterkühlt.

Die USA sind ja ein tolles Land mit sogenannt unbegrenzten Möglichkeiten. Ich hoffe, Sie haben nicht nur gearbeitet – wofür haben Sie Ihre Freizeit genutzt?
Natürlich in erster Linie, um Philadelphia noch besser kennen zu lernen. Es gibt touristisch sehr viel zu sehen, denn Philadelphia ist eine alte Stadt. Hier haben die USA schliesslich ihre Unabhängigkeit erklärt. «Philly», wie die Stadt gerne genannt wird, ist zudem die fünftgrösste Stadt der USA und hat damit auch kulturell und von der Lebensqualität her viel zu bieten. Die Grösse bringt aber auch handfeste Probleme wie Armut oder Kriminalität mit sich. Doch die Stadt investiert mit Kunstprojekten, Uferpromenaden, neuen Velowegen und einem dichten Netz aus Metro, Tram und Bus kräftig und erfolgreich in den öffentlichen Raum. Zudem entstehen dadurch, dass es lehrstehende Gebäude gibt und nicht alles rausgepützelt ist, auch Freiräume und spannende Quartiere. Vor allem in kulinarischer Hinsicht vermisse ich die Stadt: Ganz abgesehen von Cheesesteaks, zahlreichen Mikro-Brauereien, coolen Bars und Cafés haben die vielen exzellenten Restaurants bewirkt, dass ich fast nicht mehr selbst gekocht habe. Ich habe aber auch Ausflüge an die wunderschöne Jersey Shore, ins «Dutch Country» zu den Amish und nach Princeton unternommen. Zudem sind Washington und New York mit dem Zug nur gerade mal 90 Minuten entfernt.

Ich sehe schon – wenn man die Gelegenheit kriegt, nach Philadelphia arbeiten zu gehen, sollte man sie nutzen! Vielen Dank, Manuel Puppis, für das Gespräch und viel Erfolg wieder hier in der Schweiz.

Impressionen vom Forschungsaufenthalt von Manuel Puppis:

Hauptgebäude der University of Pennsylvania

Haupteingang der Annenberg School for Communication, einem der besten kommunikationswissenschaftlichen Institute in den USA

Die markante Fassade der Annenberg School for Communication

Blick auf den Ben Franklin Parkway von der Rocky-Treppe vor dem Museum of Art

Skyline von Philadelphia, der fünftgrössten Stadt der USA

(Interview/Text: Ursula Schwarb/Manuel Puppis, Bilder: Manuel Puppis)