Kolumne des Gastprofessors FS14, Helmut Scherer


Das Reisen bildet sehr; es entwöhnt von allen Vorurteilen des Volkes, des Glaubens, der Familie, der Erziehung. Es gibt den humanen duldsamen Sinn, den allgemeinen Charakter. Wer dagegen nichts sah, was ihn in der Sphäre, worin er lebt, umgibt, hält leicht alles für notwendig und einzig in der Welt, weil es in seiner Heimat dafür gilt. Immanuel Kant (1724-1804)

Das Reisen, das Umherziehen hat hohen einen Stellenwert in der abendländischen Bildungskultur. So sind die fahrenden Scholaren ein klassisches Beispiel für die europäische Universitätstradition. Von Universität zu Universität zu reisen, das war in der Frühzeit der europäischen Universitätsgeschichte durchaus üblich. Man konnte so seine akademische Ausbildung verbreitern und verfeinern, man hatte die Möglichkeit, die berühmten Professoren unterschiedlicher Universitäten zu hören und von ihnen zu lernen. Dies war in den Zeiten vor der Verbreitung gedruckter Bücher und moderner Kommunikationsmittel die einzige Möglichkeit, eine wirklich breite und vielfältige akademische Ausbildung zu bekommen. Das Leben der Scholaren konnte durchaus entbehrungsreich und gefährlich sein. Es soll an dieser Stelle aber nicht unerwähnt bleiben, dass zum klassischen Bild der fahrenden Scholaren auch gehört, dass diese „ In der hoch- und spätmittelalterlichen Erzählliteratur (…) gern als Inbegriff des leichtlebigen Verführers dargestellt“ werden, wie dies Wikipedia so schön formuliert. Zum Scholaren-Dasein gehörte also mehr als das Studium der Bücher auch die guten Seiten des Lebens hatten darin einen gewissen Stellenwert.

Die berühmten Professoren blieben aber eher zuhause, sie konnten also am warmen Ofen verharren und in ihrer Studierkammer arbeiten. Immanuel Kant selbst ist kaum aus Königsberg hinausgekommen. Mit der Entwicklung der empirischen Wissenschaften führte aber der Weg des Forschers und des akademischen Lehrers auch hinaus aus der Studierstube. Das 19. Jahrhundert entdeckt dann den Forschungsreisenden als prominenten Typus des Gelehrten. Hinaus in die Welt zu fahren und dort neue und seltsame Dinge zu entdecken, das war vielfach eine Voraussetzung für Gelehrtenglanz und akademischen Ruhm.

Heute findet das akademische Reisen vielfältige Formen, es gibt den Studierendenaustausch, die Kongressreisen, die Forschungsreisen und glücklicherweise auch die Institution der Gastprofessur. Dieses akademische Reisen hat einen hohen Wert, sofern es sich nicht um diese unsäglichen Kongressreisen handelt, bei denen man ein Hotel amerikanischer Bauart kaum verlässt und in einer akademischen Kunstwelt lebt. Wie jede Form des Reisens, die man mit wachem Verstand unternimmt, hat es die Eigenart, einen wieder in die Rolle eines Lernenden zurückzuversetzen. Dieses sich selbst als Lernenden zu sehen ist aus meiner Sicht eine unabdingbare Notwendigkeit für die eigene Qualität als Forscher und Lehrer. In der alltäglichen Routine des eigenen Lehrstuhls am eigenen Institut mag man hin und wieder vergessen, dass man nicht nur jemand sein sollte, der Fragen beantwortet, sondern immer und vor allem jemand sein muss, der Fragen stellt. Vor diesem Hintergrund waren die vier Monate hier für mich eine Erfahrung von unschätzbarem Wert.

Vieles hier scheint mir sehr vertraut, dem ähnlich, was ich aus Hannover kenne. Man trifft viele bekannte Gesichter, hat ähnliche berufliche Pflichten, selbst das Gebäude ist von unserem Gebäude nicht so verschieden und auch das IJK residiert nahe zum Messegelände. Aber das Gelände ist hier nicht ganz so weit draußen, weit weg von der menschlichen Zivilisation, sondern es gehört zum Stadtteil Oerlikon und man hat ein gewisses Maß an Infrastruktur, an dem es auf der Expo Plaza doch sehr mangelt. Auch ist man aufgrund des traumhaften Nahverkehrssystems schnell in der wirklichen Zürcher Innenstadt.

So gibt es manches, was ich gerne mitnehmen würde nach Hannover. Ganz vorne stehen dabei die hervorragenden Recherchemöglichkeiten am Institut, davon kann man als Lehrender an einer sehr kleinen deutschen Hochschule wirklich nur träumen. Dazu gehört auch die Idee, dass eine Universität ein eigenes gutes Restaurant haben kann mit einer herausragenden Aussicht. Überhaupt die Lebensqualität in der Schweiz im Allgemeinen und ganz speziell hier in Zürich ist herausragend, auch wenn sie ihren Preis hat.

Das meiste habe ich natürlich aus den Gesprächen mit den Kolleginnen und Kollegen am Institut mitgenommen. Auch wenn sich die Gespräche mit dem Mittelbau vordergründig um die Frage drehten, wie ich bei bestimmten Problemstellungen weiterhelfen kann, so hatten sie doch tatsächlich vor allem den umgekehrten Effekt. Ich habe manches gelernt über Netzwerke, Medienmarken, spannende empirische Verfahren und vieles andere mehr. Für diese vielen lehrreichen Stunden möchte ich mich bei Ihnen allen bedanken, aber auch für die menschliche Freundlichkeit und Unterstützung, die ich von Ihnen erfahren durfte.