Kolumne der Gastprofessorin Christiane Eilders

„Und, wie ist es in der Schweiz?“ Das ist in meinem Bekanntenkreis die neue Begrüßungsformel. Ich beantworte die Frage gerne, weil sie mir Gelegenheit gibt, zu reflektieren, was eigentlich in der Schweiz anders ist, und weil sie durch die Häufigkeit quasi eine Wiederholungsmessung ist, die mir selbst ermöglicht, die Veränderungen meiner Antworten zu beobachten. Was läge also näher, als die Unterschiede zwischen dem eigenem Land und der Schweiz und die zunehmend differenzierte Wahrnehmung der Besonderheiten zum Thema der Kolumne zu machen? Die Kolumne steht schließlich gegen Ende des Aufenthalts an und scheint ein idealer Ort für ein Resümee der Schweiz-Erfahrung zu sein.
Das haben ganz viele meiner Vorgängerinnen und Vorgänger auch so gesehen. Nach fünf Monaten intensiver ethnographischer Studien am IPMZ und in Zürich ganz allgemein sind die meisten zu wirklich interessanten Einsichten gekommen. Also ich hab die Kolumnen jedenfalls gerne gelesen – als Ergänzung zu meinen eigenen Wahrnehmungen und zahlreichen Gesprächen mit Einheimischen und früh oder erst kürzlich „Eingewanderten“. Wir Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sind nun mal so (schon immer - das erklärt die Berufswahl, oder weil wir längst professionell deformiert sind). Wir wollen immer gleich alles verstehen: warum ist das so und wie hängt das mit anderen Dingen zusammen? Ich hab in diesen Gesprächen nicht nur viel über die Schweiz gelernt, sondern vor allem über Deutschland. Das ist ja das Schöne am Vergleich, er funktioniert wie ein Spiegel.
Es versteht sich von selbst, dass ich aus dieser Tradition nicht ausschere. Ich will natürlich auch vom Vergleich profitieren. Der Vergleich ist nun einmal der Königsweg der Erkenntnis. Allerdings nähere ich mich den Besonderheiten der Schweiz mal von einer anderen Seite. Quasi von Süden oder besser von Südosten. Mein letzter Aufenthalt als Gastprofessorin im Ausland war nämlich in Ankara. Gleicher Kontext, anderes System, ein herrlicher Vergleichsgegenstand also. Der erste Impuls ist: ah, ein „most different system“! Wenn man dann noch berücksichtigt, dass ich dort über Weihnachten war und Heiligabend bis 17 Uhr ein Seminar mit 20 Studierenden hatte, dann ist man bei einem „even more different system“!
Diese Auslandserfahrung setzt alles wieder ins Verhältnis, was man je als unterschiedlich zwischen Deutschland und der Schweiz wahrgenommen hat: Die inkompatiblen Semesterzeiten zwischen Deutschland und der Schweiz sind läppisch, wenn man den Heiligabend mal ganz anders verbringen darf, mit Feta und Oliven statt mit Butterplätzchen und Stollen. Ich kann das nur empfehlen, man sammelt den ganzen Tag Glückwunsche zu Weihnachten ein, die Leute sind rührend. Die in Ankara herrschenden Getränkegepflogenheiten fordern einem allerdings einiges ab. Da ist es schnell vorbei mit der kulturellen Anpassungsbereitschaft – vor allem Weihnachten! Um an eine Flasche Rotwein zu kommen, musste man mit dem Bus eine halbe Stunde vom alkoholfreien Campus in die Innenstadt fahren. Es gab zwei Sorten, Ankara ist ja nicht Istanbul... Hier ist nun die Schweiz ein wirklich schöner Kontrast. Hier ist Wein allgegenwärtig, hier gehört der Apéro sogar zur Institutskultur und dient der Integration. Unter den Kollegen und Kolleginnen finden sich Weinbauern und Weinsammler, von den Weintrinkern mal ganz abgesehen. Ich bleibe also bei meiner Feststellung: Ankara verhält sich zur Schweiz „most different“.
Aber Achtung, Universitesi, Dekanlik, Fakülte, und Rektörlük klingen zu vertraut, als dass man hier nicht ins Zweifeln käme. Die Strukturen sind erstaunlich ähnlich zu denen in Deutschland und in der Schweiz. Schließlich haben die modernen Türken von deutsch-jüdischen Exilanten und Exilantinnen während der NS-Zeit gelernt, wie Universität geht. Aber wir sind ja beim Vergleich Ankara-Schweiz: Würde man ans Ende jeweils statt des „lik“ oder „lük“ ein „li“ für die Verkleinerungsform hängen, würde es glatt als Schwyzerdütsch durchgehen. Also doch fast schon „most similar“.
Die sehr hilfsbereiten Kollegen und Kolleginnen sowie die gut organisierte und perfekt funktionierende Verwaltung sind übrigens weitere Ähnlichkeiten, die unbedingt erwähnt werden müssen. Ich werde die Unterschiede und Gemeinsamkeiten noch eine Weile beobachten und berichten, wenn ich noch mehr Verbindendes entdecke. Ich bin sicher, da gibt es noch einige Parallelen zwischen diesem kleinen und dem fernen großen Land. Ich hab ja noch einen ganzen herrlichen Monat Zeit. Eines aber kann ich jetzt schon sagen: ich hab sowohl meine ethnographischen Studien als auch meine kommunikationswissenschaftlichen wirklich genossen. Die Arbeitsatmosphäre ist unvergleichlich konzentriert und produktiv. Trotzdem ist das IPMZ auch in sozialer Hinsicht ein wirklich angenehmer Ort. Das liegt an den Strukturen, aber eben auch an einer guten Rekrutierungspraxis und somit an den Menschen, die hier arbeiten. Ich bedanke mich bei allen Einzelnen für die freundliche Aufnahme, das herzliche Interesse und die vielen Anregungen, die ich mit nach Hause nehmen werde.
Diese Kolumne im Frühjahrssemester 2015 muss traurig zu Ende gehen, da gleich am Anfang meines Aufenthalts Kurt Imhof gestorben ist. Das hat meine Zeit hier sehr geprägt. Das einzige, was mir hier gefehlt hat - und das teile ich sicher mit allem am IPMZ, ist Kurt Imhof. Ich wünsche dem IPMZ, dass es einen guten Umgang mit dem Verlust findet und dass Kurts aufrüttelndes und ansteckendes Lachen noch lange nachhallt.