Kolumne der Gastprofossorin HS 13, Constanze Rossmann

Wenn man meine bisherigen Forschungs- oder Lehraufenthalte außerhalb meiner Heimatuniversität München betrachtet, so kann man mit Fug und Recht behaupten, dass ich wohl eine gewisse Affinität zur Schweiz habe. Als mich das IPMZ einlud, als Gastprofessorin ans Institut zu kommen, hatte ich bereits einen Lehrauftrag an der Université de Fribourg und einen Forschungsaufenthalt an der Università della svizzera italiana in Lugano hinter mir, die Deutschschweiz aber fehlte mir noch. Zürich war für mich – mea culpa – bislang lediglich Umsteigebahnhof auf dem Weg in die West- oder Südschweiz.

Die Schweiz. Ein kleines Wunderwerk der Evolution, welches Landschaften, Städte und Ausblicke bietet, die wir uns schöner nicht zaubern könnten. Auf dem Weg durch das Land drängt sich der Gedanke auf, dass sich die Entwickler der Märklin-Modelleisenbahn und ihres Zubehörs – Tunnel, Wiesen, Büsche – wohl die Schweiz zum Vorbild genommen haben müssen. Das leuchtende Grün der Kunstwiesen und Plastikbüsche und die Schönheit der kleinen Bahnhofsgebäude hält man nur so lange für unrealistisch bis man einmal durch die Schweiz gefahren ist.

Zürich. Eine Stadt, die hinsichtlich ihrer Lebensqualität, aber auch in punkto Lebenshaltungskosten im weltweiten Ranking weit vorne ist. Beides wird sofort spürbar, wenn man dort ankommt. Beim ersten Essen vom Imbiss verschluckt man sich angesichts des Preises noch fast (eine Falafel mit Getränk für 20 CHF), danach hat man sich bald daran gewöhnt. Und man nimmt die Kosten auch deshalb in Kauf, weil man etwas dafür bekommt. Das Essen schmeckt, die Stadt ist sauber, die Bahnen sind pünktlich, bekannte Highlights erstrecken sich vom Zürichsee über die Altstadt bis hin zum Ütliberg – und auch die weniger bekannten Attraktionen machen Lust auf mehr. Zu meinen persönlichen Highlights gehört wohl das Thermalbad, in dem Besucher im heißen Wellnessbecken badend vom Dach einer alten Brauerei aus den Blick auf die Stadt genießen können, dazu gehört aber auch der „Singing Christmas Tree“ am Weihnachtsmarkt: Ein Kinderchor, der verkleidet als Weihnachtsbaumschmuck auf einer Weihnachtsbaumbühne Weihnachtslieder singt – etwas Herzerweichenderes und Goldigeres sieht man selten.

Bei allem Perfektionismus – man findet in Zürich durchaus Dinge, die skurril erscheinen mögen. Das fängt beim Haushaltsmüll an, der nur in Züri-Säckli entsorgt werden darf, und geht beim Kinobesuch weiter, bei dem wie bei Theaterbesuchen eine Pause vorgesehen ist. Man mag ohnehin gespaltener Ansicht über Zürich sein, wenn man Joachim Ringelnatz und seinem Gedicht über Zürich folgt. Doch während er sich darin noch fragt: «Führ ich gern ein zweites Mal dorthin…?», so ist meine Antwort klar. Und auch wenn er recht behält mit diesem Reim: «Ihnen, mir, auch anderen wahrscheinlich, ist die Stadt zu übertrieben reinlich» – so fühlt man sich dort trotz allem und wegen allem sehr schnell daheim.

Und das liegt nicht zuletzt daran, dass das IPMZ seinem guten Ruf alle Ehre macht. Der Disney Channel überträgt seit kurzem eine neue Serie «New in Paradise». Anders als in der Serie, wo der Titel durchaus mehrdeutig zu verstehen ist, beschreibt er wortwörtlich, wie man sich als Neuankömmling am IPMZ fühlt. Wissenschaft ist etwas wert in der Schweiz und das spürt man. Der Laden läuft – genauso wie die Bahnen in der Schweiz pünktlich fahren, die Schokolade schmeckt und Männer Tennis spielen können. Verwaltungsangelegenheiten werden einem weitestgehend abgenommen, der Personalbogen beschränkt sich auf ein bis zwei Seiten, den Rechner am Arbeitsplatz fährt man einmal hoch und es ist alles da, was man braucht, man kann sofort loslegen. Während man an deutschen Unis manchmal das Gefühl hat, dass man sich entschuldigen muss, wenn man die Universitätsverwaltung etwas fragen möchte, werden die Fragen hier schon beantwortet, bevor man sie überhaupt gestellt hat. Das geht weiter damit, dass Seminarräume bestens ausgestattet sind, ein Techniker rund um die Uhr zur Verfügung steht, um sich um die Räume zu kümmern, Kopierer nicht nur Tasten für Scannen und Heften besitzen, sondern dies auch tun.

Aber nicht nur das technische und organisatorische Umfeld passt, sondern vor allem das studentische und kollegiale. Die Studierenden stehen ebenso für die Qualität des Instituts wie seine Mitarbeitenden, seine Professorin und Professoren. Das Klima ist äußert angenehm – an dieser Stelle kann ich es mir nicht verkneifen anzumerken, dass das Klima unter den Kolleginnen und Kollegen gemeint ist, weniger das vollautomatisierte Raumklima der Büros, welches zu so irrwitzigen Dingen führt wie Heizlüfter in einzelnen Büros, die je nach Jahreszeit den Stromverbrauch des modernen Energiespar-Gebäudes in die Höhe jagen und somit ad Absurdum führen. Nein, gemeint ist das kollegiale Klima, das anregende und harmonische Umfeld ruhiger, arbeitsamer und kreativer, gleichwohl entspannter, warmherziger und offener Kolleginnen und Kollegen, in dem ich mich als Wissenschaftler und Mensch gleichermaßen willkommen geheißen gefühlt habe.

Und damit danke ich auf diesem Wege nochmals dem Institut und allen Kolleginnen und Kollegen für eine auf- und anregende Zeit am IPMZ, in Zürich und in der Deutschschweiz.