Gastkolumne Tilo Hartmann

Google Earth hat es vorgemacht und seitdem ist es in Mode gekommen, dass man das Geschehen an einem bestimmten Ort auf der Welt beschreibt, indem zuerst die Weltkugel gezeigt und dann stetig herangezoomt wird, der Ansicht eines auf der Erde landenden Raumschiffes gleich, bis auch das kleinste Detail des angezoomten Ortes sichtbar geworden ist.

Um meine Erfahrung als Gastprofessor am IPMZ zu beschreiben, werde ich etwas kleiner ansetzen; von meinem Eindruck von Zürich aus werde ich den Blick heranzoomen an das IPMZ, bzw. an meinen Eindruck, den ich vom Institut im Verlaufe eines Semesters gewonnen habe.

Zürich also. Die Stadt, die auf den Lebenszufriedenheitsrankings aller Städte dieser Welt immer auf einem der ersten zwei Plätze steht, mal von Vancouver abgelöst, dann wieder einsamer Spitzenreiter. Viele Leute mögen diese Stadt. Auch ich. Und ich weiss auch, warum: weil sie so klar ist. In Zürich alles ineinander. Alles ist hier logisch: Der Himmel ist blau, die Wälder sind grün, das Wasser ist klar, die Strassen sind aufgeräumt, die Tram ist pünktlich, der Müll ist getrennt, und die Fenster meiner Wohnung halten den Schall draussen und die Wärme drinnen. Diese Klarheit durchzieht das ganze Leben der Stadt. Selbst die Bewegungen der Passanten erscheinen ruhig und durchdacht. Manchen mag diese Richtigkeit der Abläufe, diese Ordnung und Durchdachtheit, fast schon wieder falsch erscheinen, zu elitär oder zu weltfremd. Ich finde sie beruhigend. Zürich erlaubt mir, meinen Kopf auf andere Dinge hin auszurichten: Der Himmel ist bereits blau, die Wälder sind bereits grün, die Menschen scheinen ihren Weg bereits zu kennen - was gibt es also noch zu bedenken? Der Geist kann ausschweifen zu den grundsätzlichen Fragen: was ist Realität, wie können Medien etwas vorgauckeln, dass nicht real existiert, und ist das Grün der Irchelbergwiese auf meinem Desktop-PC weniger real als das Grün der echten Wiese?

Ein Teil von diesem Zürich: Das IPMZ - das Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung. Neben der Universität Amsterdam vermutlich das grösste kommunikationswissenschaftliche Institut in Europa. Ich habe ein Büro als Gastprofessor erhalten, dass weitaus geräumiger ist als alle meine bisherigen Büros. Es ist selbst grösser als die Professoren-Büros in Amsterdam. Das Zimmer ist sehr aufgeräumt. Und hochwertig eingeräumt. Bei meiner Ankunft steht bereits ein Computer auf dem Tisch, dessen gesamte Technik im grossen Flachbildschirm verstaut ist, was nicht nur gut aussieht, sondern auch praktisch ist. Eine Grusskarte sagt: "Willkommen am IPMZ, Herr Hartmann". Die Wälder sind grün, das Wasser der Limmat ist klar.

Geschäftige Ruhe durchzieht das IPMZ. Emsige Mitarbeiter sitzen bereits seit 7.30 Uhr am Schreibtisch, in Amsterdam war ich um 9 Uhr morgens immer einer der ersten. Bei einem kurzen Rundgang durch das Institut fallen mir die Aushänge und Poster der einzelnen Abteilungen ins Auge: Es wird ordentlich geschafft am IPMZ. Und immer wieder auf den Aushängen: englischsprachige Publikationen. Vielleicht noch nicht überall in der Mehrzahl, aber es scheint klar: Dieses Institut will im Ranking nach oben. Auch international. Ganz wie Zürich.

Ich habe prima Studenten. In einem Seminar arbeiten wir zusammen an Forschungsstudien zur parasozialen Interaktion. In einer englischsprachigen Vorlesung klopfen wir den empirischen Forschungsstand darauf ab, ob neue Medien tatsächlich zu Problemen führen können oder ob die öffentlichen Aufschreie rund um Cyberbullying, Verletzung der Privatsphäre, Aggression und Abhängigkeit nur dem Gesetz moralischer Panikzyklen folgen. In Amsterdam habe ich 70 Studenten im Seminar und 150 in der Vorlesung. Hier sitze ich mit jeweils 20 Studenten zusammen. Die Diskussionen in den Lehrveranstaltungen sind lebhaft und werden mit guten Argumenten geführt - keine Spur von der eigentlich erwarteten Zurückhaltung. Ich wollte eigentlich den Gastprofessoraufenthalt am IPMZ nutzen, um einige geplante Publikationen "vom Tisch zu schaffen". Weil die Vorlesung und das Seminar so gut laufen, macht mir die Lehre soviel Spass, dass ich die meiste Zeit in diese Arbeit investiere.

Ich mag die Mitarbeiter am IPMZ. Jeder ist hier logisch. Die Abläufe fliessen. Das gesamte Personal - gerade auch im Sekretariat - ist unglaublich gut organisiert und hilfsbereit. Die Abteilung "Wirth", mit der meine Gastprofessurstelle asoziiert ist, brummt, so dass sich die Mitartbeiter nur 30 Minuten für die Mittagspause gönnen (dabei kann ich das Essen in der Mensa immer gar nicht so schnell vertilgen). Im Gegenzug hält Rinaldo Kühne eine exzellenten Vortrag im Forschungskolloquium und mit Katharina Sommer ergibt sich eine spannende Forschungskooperation zum Hostile-Media Effekt. Der Vorlesung von Thomas Friemel statte ich ein Besuch ab, dafür zeigt er mir wo es um die Ecke ausgezeichnetes thailändisches Essen oder ein "Wiener Schnitzel" zum Mittagsessen gibt. Jörg Matthes hat immer eine interessante Ansicht parat, wenn ich auf dem Weg zu einem kurzen Kaffee bei ihm anklopfe. Klingt das als wäre ich am IPMZ dauernd auf dem Weg zum Mittagessen oder zum Kaffee gewesen? Weit gefehlt. Aber als Gastprofessor trifft man die Kollegen eben am ehesten bei solchen Gelegenheiten.

Jetzt habe ich fast vergessen, ganz heran zu zoomen und die "kleinen Details" am IPMZ zu erwähnen. Hier vollzieht sich Faszinierendes - die Ordnung bricht auf und verzweigt sich ins Fraktale. Der Bewegungsmelder, der das Zimmerlicht in meinen Büro kontrolliert, reagiert noch immer nicht auf Bewegungen, so dass man alle 20 Minuten im Dunkeln sitzt - diesen lustig-provokanten "Effekt" hatte schon Marcus Maurer vor einigen Jahren als Gastprofessor beschrieben. Und ein Original von Nam June Paik hängt von fast allen unbeachtet in der Ecke der Cafetaria. Nam June Paik! - der Videokünstler gehörte zum Standardrepertoire meines Kunstkurses am Gymnasium. Und hier hängt er "mal eben" in der Cafetaria. Unglaublich. Wie hiess es in dem Buch über Chaostheorie? Leben beruht auf einer temporären Episode der Ordnung, die aus Chaos hervorgegangen ist und wieder ins Chaos übergehen wird. In Zürich, am IPMZ, lässt es sich beruhigt leben und arbeiten. Das Chaos rauscht hier leise, wie aus weiter Ferne.